| In Stichpunkten:
Ende der 40er Jahre: erbaut als Holzpavillon für
die „Nationale Front“
17. Juni 1953: abgebrannt
1953: Neubau aus Stein
1982: Geburtsstunde der heutigen „naTo“
mit der Einstellung Götz Lehmanns als Hausmeister;
in den nachfolgenden Jahren macht sich die naTo einen
Namen durch genreübergreifende Happenings und etabliert
sich als Jazzhochburg.
1990: Vereinsgründung „Kultur und Kommunikationszentrum
naTo e.V.; erster naTo-cup
1991: Übernahme des Hauses durch den Verein in
fFreier Trägerschaft; Entstehung des Seifenkistenrennens
auf dem Fockeberg und des Badewannenrennens am Völkerschlachtdenkmal;
in den Folgejahren viele kulturelle Höhepunkte,
u.a. Diavortrag von Nan Goldin, Konzert mit Debbie Harry,
erstes Konzert von Rammstein überhaupt.
1994: Die AG Kommunales Kino Leipzig kommt als Partner
für den Bereich Filmkunst ans Haus.
1995 und später: Konzertreihen Ostwind, Noise Club
und Weltempfänger mit zahlreichen Höhepunkten.
Im Detail:
Vorgeschichte
Die heutige Karl-Liebknecht-Straße hieß
in der Weimarer Republik (1919-1933) schlicht Südstraße.
Im 3. Reich machte man sie zur Adolf-Hitler-Straße
und als sie nach der bedingungslosen Kapitulation Deutschlands
im 2. Weltkrieg ihren heutigen Namen erhielt, war das
Gebäude mit der Hausnummer 46 ausgebombt. In dieser
Lücke errichtete man Ende der 40er Jahre einen
Holzpavillon für die Nationale Front – einem
überparteilichen Zusammenschluss der SED mit den
sogenannten Blockparteien der DDR. Er diente als sozialpolitisches
Zentrum und wurde für politische Versammlungen,
Aufklärungsveranstaltungen oder für Sitzungen
der Stadtbezirksparteiorganisationen oder die Sprechstunden
des Abschnittsbevollmächtigten (ABV) genutzt. Als
buchstäblicher Brennpunkt der Geschichte ging das
hölzerne Gebäude jedoch während des Aufstandes
am 17. Juni 1953 in Flammen auf. In dem dann errichteten
und bis zum heutigen Tag erhaltenen Steinbau wurden
in den 60er und 70er Jahren auch Tanzstunden gehalten
und Filme gezeigt. Das “Kulturhaus der Nationalen
Front” wurde Ort der Stadtteilkultur, die jedoch
Ende der 70er Jahre in ihrer Quantität nicht mehr
ausreichte, um das Haus zu füllen.
Stunde der Geburt
Im Jahr 1982 begann Götz Lehmann als Hausmeister
im Kulturhaus “Nationale Front”. Zuvor hatte
Lehmann bei einer Landwirtschaftlichen Produktionsgenossenschaft
(LPG) gearbeitet und sich dann über ein Fernstudium
der Kulturwissenschaft gewidmet. Der Grundstein der
“naTo” als Ort der Alternativkultur wurde
gelegt, als Freunde von Lehmann, die sich im Betriebsjugendclub
der Medizintechnik engagierten, nach Problemen mit ihrem
bisherigen Gebäude ihren Club in das Gebäude
der “Nationalen Front” verlegten. In der
DDR finanzierten viele Betriebe einen eigenen Jugendclub,
um sicher zu stellen, dass Betriebsangehörige sich
auch außerbetrieblich in überschaubarem Rahmen
amüsieren konnten. Anfangs mischten sich mehr oder
weniger private Partys, nächtelange Tischtennispartien
und “offene Abende”. Neben dem offiziellen
Namen kursierten im Volksmund bald diverse Spitznamen
wie “NaFro” oder “naTo”. Davon
übriggeblieben ist nur naTo, doch der alte Schriftzug
“Nationale Front” prangt noch immer über
der Schwelle des Hauses – mittlerweile unter Denkmalschutz.
Ära Lehmann
1982 war das Kulturhaus “Nationale Front”
als Veranstaltungsort alternativer Kultur ein unbeschriebenes
Blatt. Doch unter Lehmanns Regie machte sich das Haus
im Laufe von zwei bis drei Jahren auch über die
Grenzen Leipzigs hinaus einen Namen. Im Jahr 1982, dem
Beginn der “Ära Lehmann”, lief die
erste “Akustische Aspekte”-Veranstaltung.
In dieser Reihe wurden unterschiedliche Medien wie Malerei,
Film oder Theateraktionen zu einem Happening zusammen
geführt. Es folgten Performances, die ersten Jazzkonzerte
und Experimentalfilme u.a. von Lutz Dammbeck. Lehmann
hatte durch den Militärdienst Kontakte zu Thorsten
Schilling oder Thomas Krüger, über den der
enge Bezug zu Westberlin hergestellt werden konnte.
Auch innerstädtisch bildete sich ein Netzwerk,
das die naTo mit dem Grafikkeller in der Hochschule
für Grafik- und Buchkunst (HGB), der Moritzbastei
oder dem Haus der Volkskunst verband. Es bildeten sich
Cliquen und Kontakte zwischen Kunst- und Kulturinteressierten,
die im ähnlichen Alter waren und eines sein wollten:
anders. So entstand eine Symbiose zwischen der naTo
und der Galerie “Eigen + Art”, die 1983
in unmittelbarer Nachbarschaft am Körnerplatz von
Judy Lybke und Thorsten Schilling eröffnet wurde.
Auch zum Haus Steinstraße, das damals von Brigitte
Schreier-Endler geleitet wurde, hatte Lehmann gute Kontakte
– weshalb man beidseitig von einer intensiven
Kooperation im Bereich der Finanzierung und Organisation
von Veranstaltungen profitierte. Die naTo wurde zur
Anlaufstelle einer Clique, deren Mitglieder von Dresden,
Leipzig, Berlin oder Chemnitz aus für immer neuen
schöpferischen und innovativen Input sorgten. Man
wollte gemeinsam über ein Grenzgängerdasein
die Grenzen des Systems austesten und dabei Anspruch
mit Spaß verbinden.
Warum Leipzig?
Wieso bereitete gerade Leipzig derartigen Grenzerweiterungen
einen besonders fruchtbaren Boden? In Chemnitz oder
Dresden als früherer Residenzstadt war eher die
Hochkultur zu Hause, Berlin war politisch gesehen ein
heißes Pflaster und bot in dieser Beziehung geringen
Spielraum. In Leipzig kreuzten sich die Wege einiger
Kreativköpfe, die gemeinsam ein festes, aber dennoch
dynamisches Netzwerk bildeten und hinzu kam, dass der
Stadtbezirk Süd mit Frau Dr. Jutta Duclaud eine
besonders intelligente und engagierte Stadträtin
hatte. Die studierte Literaturwissenschaftlerin und
auch ihr Stellvertreter Jörg Wicke, Mitglied im
Jazz-Club, gaben der freien Kulturszene oftmals Rückendeckung
und schufen damit Freiräume. Freiräume, die
verhinderten, dass der Aufbruchstimmung in der DDR im
kulturellen Kontext Anfang der 80er Jahre der Wind aus
den Segeln genommen werden konnte. So war es vor allem
in Leipzig trotz politischer Restriktionen möglich,
eine besondere Eigendynamik zu entwickeln und sich künstlerische
Schlupflöcher zu Nutze zu machen. Auch der spezifische
Charakter der Leipziger Südvorstadt, der einerseits
Klientel, andererseits auch “künstlerisches
Material” lieferte, war für die Stellung
der naTo entscheidend.. Die Stadt konnte Anfang der
80er Jahre den Bedarf an sanierten Wohnungen kaum decken
und es war schwierig, offiziell eine Wohnung zu bekommen.
Doch zog jemand in ein Abrisshaus und setzte eine Wohnung
mit eigenen Mitteln wieder in Stand, wurde dies von
der Verwaltung stillschweigend geduldet. So waren vor
allem im Süden, um das Connewitzer Kreuz oder den
Körnerplatz viele Häuser von Studenten und
Künstlern “in Stand besetzt”, die dort
“schwarz” wohnten.
Dunkle Seite
Doch auch ein anderes Netzwerk spann seine Fäden
in den Räumlichkeiten der naTo: Ab 1985 wurde das
Haus zweimal im Monat von der Bezirkspolizeibehörde
für die Ausgabe von Reisepässen und Westgeld
an Rentner, die in die BRD fahren durften, genutzt.
Nicht selten sah man bis zu 150 Rentner vor der naTo
stehen, die ihre Pässe für Ausreisestempel
und ihre Taschen für die 30 Mark Westgeld bereit
hielten. Vor und während der Leipziger Messe fanden
in den Räumen der “Nationalen Front”
Einsatzbesprechungen und Schulungen für Mitarbeiter
der Stasi statt. Und wenn die Geheimdienstleute dann
nachts von der Streife kamen, trafen sie sich im Gebäude
der Nationalen Front bei Kaffee und Kuchen – heimlich
natürlich. Das alles machte die Ambivalenz des
Objektes zu jener Zeit aus und gipfelte darin, dass
sich der ABV, ein für kleinere Anzeigen in einem
bestimmten Territorium zuständiger Polizist, und
Götz Lehmann den Schreibtisch teilten. So war es
nicht zu vermeiden, dass der eine die Anrufe des anderen
erhielt und an jenem Ort, wo Lehmann mit seinen Freunden
neue kulturelle Aktionen ausheckte, eben diese Freunde
wenig später dem ABV Rede und Antwort stehen mussten.
Bürokratie
und Happenings
Der bürokratische Weg zu Veranstaltungen verlief
über einen Monats- oder Jahresplan, der vom Kulturamt
des Stadtbezirkes abgesegnet wurde. Doch auch bei der
Polizei musste man die Veranstaltungen anmelden. Auf
dem Formular hatte man anzukreuzen, was, wo, warum stattfand
– Performance war dort ein Fremdwort und vergeblich
zu suchen. Zudem wurden, um die ganze Sache hieb- und
stichfest zu machen und nicht versehentlich einem zu
freigeistigen Künstler Auftritt zu gewähren,
Verträge und staatliche Anerkennungen der Auftretenden
geprüft.
In den ersten Jahren Lehmanns wurden spektakuläre
Happenings veranstaltet. Dazu gehört beispielsweise
die große Verleihung des Kunstpreises “Prix
de Jagot” im Jahre 1984. Bis heute sind die Preisträger
auf die im Rahmen dieses festlichen Verkleidungs-Balls
erhaltene Ehrung stolz. Für den “Prix de
Jagot” wurden keine Kosten und Mühen gescheut:
Fortunat Fröhlich, ein in der DDR studierter Schweizer
Musiker hatte für die Eröffnungszeremonie
ein gebührliches Werk komponiert. Performance und
Interaktion standen im Mittelpunkt dieses Abends: alle
Anwesenden bewegten sich auf Geheiß und nach Maßgabe
der künstlerischen Ästhetik im Takt der Musik.
Maßgeblich beteiligt war die “Plagwitzer
Interessengemeinschaft” (PIG) – bestehend
aus Jörg Herold, Ulf Puder, Uwe Kowski, Frank Berendt
und Jan Raue. Diese Gruppe hatte aufhorchen lassen,
nachdem sie einen “Tag der Arbeit” in einer
alten Fabrikhalle in Plagwitz in ein experimentalfilmisches
Gewand gekleidet hatte. Mitwirkende in dem Film „Beiwerk“
von Jörg Herold , waren u.a. neben der „PIG“
auch Judy Lybke, Thomas Krüger, Thorsten Schilling
und Götz Lehmann.
Der vor der Polizei als Betriebsveranstaltung getarnte
“Prix de Jagot” war nur die Spitze des Eisberges
einer ganzen Reihe solcher Happenings, die neben den
monatlich zwei bis drei “offiziellen” Veranstaltungen
stattfanden, für die dann auch öffentlich
Karten verkauft und Werbung gemacht wurden.
Free-Jazz
Neben den Kunstpartys, die oft mit Ausstellungseröffnungen
der Galerie “Eigen+Art” verbunden wurden,
ereigneten sich in der naTo die legendär-fulminanten
Jazzkonzerte. Da sich Free Jazz nun mal von freier Improvisation
nährte und kaum mit dem Musik-Dogma der DDR kompatibel
war, konnte man nur schwerlich mit Verständnis
und Kooperation von Seiten des Staates rechnen. Brigitte
Schreier-Endler, Götz Lehmann und Thomas Krüger
nutzten die in Leipzig stattfindenden Jazztage, um die
Künstler quasi aus den Garderoben heraus zu überreden,
auch in der naTo aufzuspielen. Die daraus folgenden
nachtfüllenden Sessions – wenn etwa zwölf
Bläser, u.a. Itaru Oki aus Japan, Peter Brötzmann,
Dietmar Diesner und Lars Rudolf bis morgens sieben Uhr
vor völlig hingerissenem Publikum die Instrumente
bliesen – waren Highlights in der Geschichte der
naTo und galten als Insidertipps. Die Schlüsselfigur
der Jazzszene war der Cottbuser Jimmy Metag. Er verfügte
über Kontakte zu Künstlern aus dem Westen
und so kam es in der naTo auch zu Konzerten mit Kixx
aus Hamburg, Wigald Boning oder Lars Rudolf. Um diese
Künstler angemessen zu vergüten – die
Mark der DDR hatte für sie wenig Wert – wurde
die Gage oft in Form von Naturalien wie Klavieren oder
Schlagzeugen beglichen. Doch im Allgemeinen waren Kontakte
ins künstlerische Ausland recht schwierig. Auch
osteuropäische Musiker wurden teilweise undercover
und mit erhöhtem Risiko in die DDR und auf die
naTo-Bühne geholt. Die “Zeit” schrieb
im August 1995 in einem Artikel über die DDR-Jazzszene:
“...Das Kulturhaus “Nationale Front”
in Leipzig – eigentlich naTo genannt – war
der wichtigste Veranstaltungsort für zeitgenössischen
Jazz in den 80ern...”.
Theater
Während man musikalisch beim Free Jazz auf geheime
Hintertüren zurück greifen konnte und musste,
galt im Theaterbereich dasselbe fürs Puppenspiel.
Es war möglich, unter dem Deckmantel von Puppenspiel
oder Pantomime experimentelle Formen des künstlerischen
Ausdrucks zu präsentieren. Programme von Mensching
und Wenzel und der Berliner Gruppe Zinnober gehörten
in diesem Zusammenhang zu den leuchtenden Höhepunkten.
Diese hatten in Berlin Auftrittsverbot bekommen und
tobten sich nun auf Leipziger Bühnen aus. Auch
die Theaterprojekte des Fronttheaters, wie “Rattenjagd”
von Peter Turrini, hätten offiziell keine Zulassung
erhalten und liefen darum unter “Amateurtheater”.
Endeiszeit
Eine der prekärsten Veranstaltungen in der Geschichte
der naTo war “Endeiszeit”. Um das Ende der
80er Jahre etwas abgeflaute Treiben in der naTo zu beleben,
inszenierte man, fetter und teurer denn je, drei bis
vier Bands. Mit dabei Hertz, Feeling B oder eben, ja,
Sascha Anderson. Man konnte sich vor Besuchern kaum
retten und eine große Menschenmenge harrte vor
der Tür aus. Es war voll, es war heiß, Andersen
hatte Auftrittsverbot in der DDR – kurzum: es
war offiziell nicht das, was es war und mittendrin saßen
die neue Stadtbezirksrätin für Kultur, der
Stadtbezirksparteichef und der Polizeichef des Stadtteils.
Es gelang Sascha Anderson durch unvergleichliches, diplomatisches
Rede-Geschick, die in den Seitenstraßen bereitstehende
Polizei vor dem Eingreifen und Götz Lehmann vor
einem Nervenzusammenbruch zu bewahren. Endeiszeit gut,
alles gut – zum Glück! Und welche Überraschung,
als Sascha Anderson nach dem Fall der Mauer als Inoffizieller
Mitarbeiter (IM) der Stasi enttarnt wurde.
Ende der Ära
Lehmann
Ab 1986/87 wurden die Lücken, die viele Künstler
aus der Szene nach ihrem mehr oder weniger freiwilligen
Weggang in den Westen hinterließen, spürbar.
Die neue Stadtbezirksrätin Sigrid Vrann war so
hemmend wie die vorherige unterstützend und die
Situation war insgesamt ernüchternd. Götz
Lehmann hatte sein Fernstudium mittlerweile beendet,
doch nachdem ihm ein eigentlich schon sicher geglaubter
Job in Berlin dank Intervention der Stasi versagt blieb,
musste er sich der hiesigen Apathie im Vorfeld der Wende
weiterhin fügen. So widmete sich Lehmann verstärkt
einem anderem Sektor: der Kinder- und Jugendarbeit.
Ab 1989 arbeitete er schließlich für ein
Jahr im Zentralhaus für Kulturarbeit im Bereich
Theater. Dem Kulturministerium unterstellt, kümmerte
sich diese Institution um das gesamte unprofessionelle
Volkskunstschaffen der DDR, wie beispielsweise die Arbeiterfestspiele
in Stendal. Götz Lehmann übernahm nach dem
Weggang von Brigitte Schreier-Endler 1990 das Haus Steinstraße.
Jetzt lebt und arbeitet er in Berlin.
Dass es die naTo heute in diesem Profil gibt, ist Götz
Lehmanns Verdienst. Er hat als Hausmeister Schnee geschippt,
mal hier und mal dort was gemacht, die Behörden
ein bisschen ausgetrickst und letztlich Dank seiner
zahlreichen Kontakte und Ideen das Haus als Jazzhochburg
und Kunstzentrum etabliert.
Paul Fröhlich
Nach Lehmanns Weggang übernahm Paul Fröhlich
die Leitung der naTo. Fröhlich war seit 1987 kulturpolitischer
Mitarbeiter des Hauses. Eigentlich hatte er sich bei
der Nationalen Volksarmee der DDR zu einer 25 jährigen
Offizierslaufbahn verpflichtet, stellte jedoch nach
einigen Jahren ein Entpflichtungsgesuch. Das brachte
ihm nicht nur ein Parteiverfahren mit Parteiausschluss
aufgrund “kapitulantenhaften Verhaltens”
ein, sondern auch den verantwortungsvollen Job eines
Niederdruckheizers in einem Heizkraftwerk. Als Fröhlich
erfuhr, dass das Kulturhaus “Nationale Front”
seine Personalstruktur erweitern wollte, bewarb er sich
beim Stadtbezirk Süd und wurde nach einem Gespräch
mit Sigrid Vrann, trotz ziemlich dickem Fleck in der
Kaderakte, eingestellt. Obwohl Fröhlich aus Schulzeiten
Kontakte zu Leuten aus dem naTo-Umfeld hatte, stieß
er zu Beginn seiner Tätigkeit auf großes
Misstrauen. Kein Wunder, denn sein Vater Heinz Fröhlich
war Leipziger Parteisekretär der SED und viele
glaubten, er sei ein Enkel Paul Fröhlichs, des
damaligen 1. Sekretärs der Bezirksleitung der SED.
Verständlich auch, da Götz Lehmann und besonders
auch Jimmy Metag, zu einer Szene gehörten, die
sich beobachtet fühlen musste. Trotz allem verlief
die Zusammenarbeit von Anfang an gut – das heißt,
über die Veranstaltung des größten Unfugs
war man sich sofort einig. Fröhlich kümmerte
sich um Anmeldung der Veranstaltungen bei der Polizei,
den Kartenvorverkauf oder die Verteilung der Programmhefte.
Von Deutschland
nach Deutschland
Als in der DDR die Post abging - Montagsdemos in Leipzig,
Honeckers Rücktritt, Krenz an die Tête, –
stand die Kultur- und Kunstszene für einige Zeit
im Schatten dieser Ereignisse. Nach dem Fall der Mauer,
aber noch vor der Wiedervereinigung, gab es dann die
Möglichkeit der Vereinsgründung, und in einer
Sitzung am 15.05.1990, an der neben den naTo-Leuten
auch Sigrid Vrann teilnahm, wurde der Kultur und Kommunikationszentrum
naTo e.V. (naTo e.V.) gegründet. Auch die Legitimität
des Namens stand zur Debatte – schließlich
war die DDR immer noch Mitglied im Warschauer Pakt!
Nach der Vereinsgründung waren die Mitarbeiter
der naTo weiterhin Angestellte des Kulturamtes der Stadt.
Nach der Wende setzte der mit Kultureinrichtungen schon
immer recht dicht bestückte Leipziger Süden
vor allem mit drei bereits vorher eingeführten
Häusern Akzente: dem Eiskeller, dem Haus Steinstraße
und der naTo. Plötzlich stand diesen kulturellen
Einrichtungen Geld zur Verfügung, das in der naTo
in Schallschutzjalousien, Schallschutzfenster, Schallschutzdämmung
der Decke, eine neue Heizungsanlage und die Dachsanierung
investiert wurde. 1991, im Zuge der Umwandlung der Leipziger
Kulturszene in eine “kommunale Kultur in freier
Trägerschaft”, war der naTo e.V. einer der
ersten, die sich dieser Aufgabe stellte. Die freie Trägerstruktur
bot die Möglichkeit, Mittel zu akquirieren. Es
wurden Verträge über mittelfristige Finanzierung,
Absicherung der Stellen und kontinuierliche Bezuschussung
abgeschlossen. Dies war Basis, einzige Chance und letztlich
auch goldene Zeit für die Häuser.
Nachdem Paul Fröhlich die naTo durch die turbulente
Wendezeit geführt hatte und das Haus in die freie
Trägerschaft ging, blieb er weiterhin Angestellter
des Kulturamtes. Zuerst als Stadtteilbeauftragter für
den Leipziger Süden, später für Paunsdorf,
landete er schließlich im Komm-Haus in Grünau,
bevor er 1999 ins Sport- und Bäderamt wechselte.
Dort war er für die Organisation von sportlichen
Großveranstaltungen zuständig und ist heute
persönlicher Mitarbeiter des Leipziger Sport-Dezerneten
und mit der Olympiabewerbung Leipzigs für das Jahr
2012 betraut.
Kultur während
und nach der Wende
In der Umbruchphase ab 1989, als sich plötzlich
ungeahnte Möglichkeiten auftaten, waren viele Häuser
mit der neu gewonnenen Freiheit und den damit zusammen
hängenden neuen Zwängen überfordert.
Die naTo war einer der ersten Veranstaltungsorte in
Leipzig, die den welthungrigen Menschen französische
oder japanische Theatergruppen, Musiker aus Brasilien
oder der Schweiz geboten hatte. Die ausländischen
Künstler brannten damals darauf, im Osten auftreten
zu können und mit den Menschen in Kontakt zu kommen.
Zu dieser Zeit war die Kulturszene besonders lebendig,
die Menschen besonders wissbegierig und offen –
es wurden für die kommenden Jahre die entscheidenden
Weichen gestellt. Besonders im Pop-Bereich stürzte
man sich auf alles, was der DDR vorher verwehrt geblieben
war. Zu Beginn dieser Phase, Ende 1989 – unmittelbar
vor der Maueröffnung – wurde Torsten Hinger
kulturpolitischer Mitarbeiter in der naTo. Davor war
er Regisseur, Autor, manchmal Lichttechniker der freien
Theatergruppe “Fronttheater” und nebenberuflich
Lottoscheinauswerter. Mit dem Fall der Mauer fielen
den Beamten des Stadtbezirks Süd mehr und mehr
auch die Augenlider zu, wenn es um die Genehmigung von
Veranstaltungen ging – nur auf dem Papier musste
weiterhin alles seine Richtigkeit haben. Schnell wurden
aus den vier Veranstaltungen im Monat sechzehn. Ab 1992
war Torsten Hinger Geschäftsführer der naTo.
Zu den vielen Highlights in der Folgezeit gehören
zweifelsohne die Diashow der amerikanischen Fotografin
Nan Goldin, das erste Konzert von Rammstein (quasi die
Uraufführung) und der Auftritt von Debbie Harry.
Partys
Anfang der 90er Jahre war die große Zeit der legendären
Kostümpartys in der naTo. Herausragend z.B. die
“Prohibitionsparty” im 30er Jahre Stil,
mit Spielcasino und jeder Menge Alkohol – beworben
lediglich mit einer Anzeige in der LVZ: “Für
die Freunde der italienischen Oper, am Samstag 20 Uhr,
Karl-Liebknecht-Straße 46”. Auch ein Redakteur
des Stadtmagazins Prinz war da und sollte eine Geschichte
über den “wilden Osten” schreiben.
Zu lesen war dann von wildesten Orgien und einträchtiger
Feierei zwischen rechten Skinheads und linken Intellektuellen
– weil einer der Gäste eine Glatze hatte.
In der Nacht der Währungsunion feierte die naTo
den “Untergang der Titanik”. Der Eingang
wurde über eine Gangway durch das Fenster und einen
Laufsteg in den Saal realisiert. Als diese Kostümpartys
immer größeren Aufwand erforderten und Publikumswünsche
nach Tanzbarem laut wurden, folgten innovative Partyreihen,
die das Nachtleben der Stadt beeinflusst haben. Die
erste war “Jazz-Blind”. In Zusammenarbeit
mit dem MoJo-Club in Hamburg bot man Acid-Jazz vom Feinsten
– in Leipzig ein Novum. Das Haus war immer ausverkauft
und die Party wurde vielfach kopiert, teilweise sogar
unter dem selben Label – Acid-Jazz dominierte
ein Jahr lang die Leipziger Szene. Auch Krakow-Beat
wurde zur Legende. Die 80er-Jahre-Party brachte die
naTo schnell an die Grenzen ihrer Kapazität und
so wurde der Act zuerst ins Werk II und – als
auch das nicht mehr ausreichte – ins Haus Leipzig
verlegt. Bis heute ist das Erbe Krakow Beats mit zahlreichen
80er Jahre Partys in der Stadt spürbar. Es folgte
die Schlager-Party-Reihe “Wilde Herzen”
und 1998 das Easy-Listening-Projekt “Easy Groove
Club”.
„Rennen“
und naTo-cup
Legendär sind auch die Sommer-Events der naTo.
Das Badewannenrennen, das Seifenkistenrennen und auch
der naTo-cup sind jährlich feste Höhepunkte
im Kalender vieler Leipziger. Schon 1983 lassen sich
die Wurzeln des Seifenkistenrennens ausmachen. Vom Hauptbahnhof
aus starteten etwa fünfzig aus Dresden und Berlin
angereiste Leute mit ihren selbst gebastelten Rikschas
– es sollte eine Runde auf dem Ring gedreht werden.
Doch die Polizei machte dem Spaß ein Ende, da
die Aktion nicht angemeldet war. 1989 fand der erste
naTo-cup statt. Anfangs als normales Fußballturnier
gedacht, erfuhr er bereits im 2. Jahr eine einschneidende
Korrektur in Richtung Spaß – die Quotenregelung
(2 geschlechtsfremde Mitspieler/innen pro Team) war
beschlossene Sache. Das Seifenkistenrennen fand erstmals
1991, unterstützt von der Moritzbastei, auf dem
Fockeberg statt. 1992 folgte der dritte Publikumsmagnet
mit dem Badewannenrennen. Trotz anfänglicher Genehmigung
durfte das Flächennaturschutzgebiet des Silbersees,
das als Austragungsort geplant war, unter Androhung
von 15000 DM Strafe nicht befahren werden. Nach einem
Blick auf den Stadtplan fiel die Entscheidung auf den
Teich vor dem Völkerschlachtdenkmal. Man wurde
sich mit der Stadt und der Denkmalsleitung schnell einig
und heute gilt diese Veranstaltung – gerade durch
das Spannungsverhältnis von Spaß-Event und
historischem Friedensdenkmal – europaweit vielerorts
als Vorbild im Umgang mit Friedensmonumenten.
Städteaustausch
In den Jahren nach der Wende entstanden mehrere Städteaustauschprogramme.
Die Basis bildetete die Zusammenarbeit mit einer Partnereinrichtung
in der jeweiligen Stadt. Beim ersten Austausch mit Nürnberg
war das der Komm e.V. – damals das größte
selbstverwaltete Jugendzentrum Deutschlands. In einem
Reisebus wurden Kunst und Künstler für etwa
eine Woche in den Süden des Landes gebracht und
gaben auf den dortigen Kulturtagen einen naTo-Querschnitt
zum Besten. Es folgten die Städte Köln, München,
Hannover, Bern (Schweiz), Moskau (GUS) und Malmö/Lund
(Schweden). Mit fünfzig Leipziger Künstlern,
von Hardcorebands bis zu Gewandhausmusikern, wurden
in Malmö/Lund und Umgegend kleine Touren organisiert.
Der Schwerpunkt dieses Austausches lag jedoch im Theaterbereich
und so spielte eine Theatergruppe aus Malmö ein
halbes Jahr später in Leipzig zur Eröffnung
des Werk II. Ein 1994 mit Barcelona geplanter Austausch
platzte, weil der dortige Partner absprang. Obwohl es
derartige Austauschprojekte heute leider nicht mehr
gibt, werden viele der damals geknüpften Kontakte
immer noch gepflegt.
Theaterrenaissance
1994 verließ Torsten Hinger die naTo für
3 Jahre und Ulrike Katzer, die bereits seit 1992 beim
naTo e.V. angestellt war, übernahm die Geschäftsleitung.
In dieser Zeit vollzog sich auch im Programm ein Wandel,
den Torsten Hinger noch angeschoben hatte. Die zahlreichen
Rock- und Pop-Konzerte sollten zwar beibehalten werden,
wurden aber als zu dominant empfunden, so dass die naTo
für zwei Jahre schwerpunktmäßig zu einem
Theaterhaus mit Gastspielen von z. B. der “Inselbühne”,
des “Off-Theater-Büros” oder von Wolfgang
Krause-Zwieback wurde.
Wunsch nach
einem größeren Haus
Aufgrund der begrenzten räumlichen Möglichkeiten
entstand der Wunsch nach einem größeren Haus.
1997 schien er sich zu erfüllen: der Umzug ins
“Naundörfchen” in der Gottschedstraße
war beschlossene Sache. Im naTo-Monatsprogramm kündigte
man bereits mit einem Countdown den Umzugstermin an.
Dann folgten schwerwiegende Verwaltungsfehler des Kulturamtes,
bereitgestellte Gelder wurden nicht rechtzeitig abgerufen
und die Pläne waren dahin. Doch in der naTo und
den befreundeten Architekturbüros wurde fleißig
weitergeplant – zuerst für das alte “Unterwerk”
der Stadtwerke Leipzig am Floßplatz 2-5, dann
fürs Stelzenhaus in Plagwitz – und so waren
die Jahre 1996 bis 2000 von der Suche nach Alternativen
zur Karl-Liebknecht-Straße 46 geprägt. Doch
alles ohne Ergebnis. Die Kraft, die dafür investiert
wurde, fehlte an anderer Stelle und das Programm der
naTo hatte qualitativ gelitten. 1998 gab es einen weiteren
Führungswechsel und Falk Elstermann, der ebenfalls
seit 1992 im Team der naTo arbeitete, löste Ulrike
Katzer ab. Im Jahr 2000 besann sich das Team wieder
auf das, was man hatte. Das Niveau des Programms stieg
zunehmend und das Haus ist überregional wieder
eine feste Größe. Trotz allem hat man die
Umzugspläne bis heute nicht aufgegeben..
Literatur
Auch im Bereich der Literatur hat sich die naTo als
wichtiger Veranstaltungsort, nicht zuletzt aufgrund
der zahlreichen Lesungen während der Leipziger
Buchmesse oder dem “Literarischen Herbst”
etabliert. Die Liste der Autoren, die in der naTo gelesen
haben, ist lang: Heiner Müller, Harry Rohwolt,
Matthias Politycki, Bora Cosic, Jáchym Topol,
Alexej Slapovsky, Ljudmila Ulitzkaja, Klaus Theweleit,
Friedericke Mayröcker, Juli Zeh und viele andere.
In den letzten Jahren haben Literaturveranstaltungen
in der naTo ein größeres Gewicht bekommen
und Lesungen sollen in Zukunft ein weiterer Programmschwerpunkt
werden.
Filme in der
naTo
Bis zum Ende der 70er Jahre setzten die Lichtspielbetriebe
Leipzig cinematografische Akzente in der naTo, indem
sie Kinder- und Wochenendvorstellungen in ihren regulären
Spielplan aufnahmen. In den 80er Jahren beschränkten
sich Filmvorführungen meistens auf Performances
oder waren in Auftritte von Musikern wie “AG Geige”
aus Chemnitz integriert. Die HGB zeigte eigene Werke
zuweilen in der naTo, meistens aber im hauseigenen Grafikkeller.
Der Progress-Filmverleih hatte nur bestimmte Filme im
Lager und diese zu ordern war oft ein schwieriges Problem.
Bis zur Wende galt: wenn Filme in der naTo, dann Kunstfilme
– und so liefen Dammbeck-Filme als Veranstaltungen
für sich oder im Kontext. Mit dem Fall der Mauer
hat sich das schlagartig verändert. Nun galt es,
die filmischen Bedürfnisse zu befriedigen, die
in den vergangenen zehn Jahren nicht ausgelebt werden
konnten. So liefen in der naTo Blixa-Bargeld- oder Nick-Cave-Filme,
Monthy Python und Stanley Kubrick. Neben amerikanischem
Underground-Kino aus den 60er und 70er Jahren wurde
in den ersten Filmreihen auch homoerotisches Kino von
Jean Genet aus dem Frankreich der 50er Jahre gezeigt.
Die bildende Kunst wurde im Bereich Film ebenfalls bedient,
als beispielsweise Walter Dahm als Vertreter der Neuen
Wilden mehrere seiner Filme in der naTo vorstellte.
Auch einer der mittlerweile bekanntesten und innovativsten
Kunstfilmemacher, Michael Brüntrupp, zeigte Anfang
der 90er Jahre seine Kurzfilme in der naTo. Besonders
Aufsehen erregend waren die Veranstaltungen “Film
im öffentlichen Raum”. In den Resten Eytras,
einem Ort bei Borna, der dem Braunkohletagebau weichen
musste, präsentierte die naTo Tarkowskijs Stalker
direkt vor einem großen Kohlebagger. Ebenfalls
ein Ereignis war die Vorführung von Koyaanisqatsi
auf dem Fockeberg – vor der nächtlichen Silhouette
Leipzigs. Kino lief in der naTo meistens zweimal wöchentlich.
Als der Nachholbedarf im Filmbereich irgendwann gedeckt
war und es immer schwieriger wurde, ein passendes Programm
auszuwählen, holte Torsten Hinger 1994 die AG Kommunales
Kino Leipzig als kompetenten Partner für den Bereich
Filmkunst ans Haus. Die AG war damals eine Art avantgardistisches
Wanderkino und hatte mehrere Spielstätten. Heute
ist die naTo einzige Spielstätte und die Zahl der
monatlichen Veranstaltungstage ist von anfänglich
8 auf ca. 20 gestiegen. Einen Namen hat sich die AG
vor allem durch ihre zahlreichen außergewöhnlichen
Filmreihen gemacht, in denen junges Kino aus allen Teilen
der Erde präsentiert wird – wenn möglich
OmU (Original mit Untertitel). Die naTo ist heute Leipzigs
erste Adresse für anspruchsvolle Kinogänger.
(Die Geschichte der AG Kommunales Kino Leipzig ist in
Arbeit und wird hier in kürze veröffentlicht.)
Andere Vereine
in der naTo
Wie im Falle der AG Kommunales Kino ist es Tradition
der naTo, das Haus auch für andere Vereine und
Initiativen offen zu halten, um Veranstaltungen machen
zu können. Genutzt hat diese Möglichkeit Anfang
der 90er Jahre auch eine Gruppe aus der linken Szene,
um die Veranstaltungsreihe Reaktionskonzerte zu organisieren:
Hardcore. Zu den spektakulärsten Veranstaltungen
dieser Reihe zählt zweifelsohne das Konzert mit
den Spermbirds. Die Reaktionskonzertemacher, die von
Anfang an den konzeptionellen Ansatz: “autonome
Jugendarbeit braucht ein eigenes Haus” verfolgten,
nutzten die naTo als etablierte Plattform. Schließlich
übernahmen sie den Eiskeller und gründeten
das Conne Island.
Konzerte in
der naTo
Es ist Usus, das in der naTo Künstler aus allen
Teilen der Welt auftreten. Ganz bewusst setzt man der
allgemeinen Dominanz von britischen und US-Bands etwas
entgegen, indem man gerade auch Künstler aus Japan,
Brasilien, Italien, Nigeria, Ukraine, Neufundland, Island,
Serbien oder Finnland engagiert. Durch die räumlichen
Bedingungen ist in der naTo eine einzigartige Atmosphäre
der Unmittelbarkeit zwischen dem Künstler auf der
Bühne und dem Publikum gegeben, die Konzerte zu
besonderen Erlebnissen macht. Aufgrund des vielseitigen
Programms kommt es vor, dass nach einer Nordkoreanischen
Filmwoche am Freitag freier experimenteller Jazz auf
dem Programm steht, am Samstag eine geballte Rocklawine
von der Bühne rollt und am Sonntag eine mongolische
Obertonsängerin das Publikum verzaubert. Ganz gewiss
auch aufgrund dieser Vielfalt bezeichnete die ZDF-Sendung
Aspekte die naTo als "...das wichtigste Zentrum
für freie Kultur in Leipzig”.
Mit der seit 1995 bestehenden Konzertreihe Ostwind hat
die naTo ein einzigartiges Podium für osteuropäische
und asiatische Musikkultur in Deutschland geschaffen.
Das Konzept der Reihe ist, was die verschiedenen Stilrichtungen
betrifft, offen: Klezmer, Gipsy, Jazz, Folk... Es ist
der Tradition wie auch der Innovation gleichermaßen
verpflichtet und gibt Einblicke in die reichhaltige
osteuropäische Musikkultur, die, jenseits des gültigen
Zeitgeistes, aus klassischen Musiktraditionen gewachsen
ist und sich dennoch den modernen Musikströmungen
nicht verschließt. Unter der künstlerischen
Leitung des Leipziger Barden Jens-Paul Wollenberg hat
die Reihe längst überregionale Bedeutung gewonnen.
Die Klezmatics waren da, Karsten Troyke, das Kocani
Orkestar, Muzikas, das Black Sea Trio – und Bands
wie Bratsch oder Kroke gehören zu den Stammgästen.
Eine weitere aktuelle Konzertreihe ist Weltempfänger.
Seit 1998 werden in diesem Rahmen Klänge, Laute
und Künstler aus der ganzen Welt präsentiert.
Es wird aufs erfrischendste improvisiert und experimentiert
– mit Stilen, mit Technik und mit Instrumenten.
Bindeglied der Konzertreihe ist der Jazz, speziell der
Modern Jazz, der hier bevorzugt als Kammermusik in Erscheinung
tritt. Die naTo wird zum Studio. Das Publikum bestaunt
die Virtuosität und lauscht entrückt der sich
ihm offenbarenden neuen Klangwelt. Jazz trifft Fusion,
Groove, Soul, Funk, Brazil, Samba, Salsa. Charlie Mariano
war da, Lee Konitz, Mal Waldron, Willem Breuker, Perry
Robinson, Aki Takase, das Balanescu Quartett, Kenny
Wheeler, Günther “Baby” Sommer, Alexander
von Schlippenbach, Mardi Gras.BB und viele andere.
In der Reihe Noise Club wird mit elektronisch verstärkten
Popklängen experimentiert, irgendwo zwischen Sonic
Youth und den Pixies. Gitarren spielen eine wichtige
Rolle und die Konzerte gehören zu den Geheimtipps
in der Szene. Gäste waren u.a. JUD, Karate, Slut,
Blackmail, Yuppie Flu, Mother Tongue und Bottom 12.
Heute
Heute ruht das Programm der naTo auf fünf Säulen:
der Musik, der Filmkunst, der Literatur, dem Theater
und Veranstaltungen zu politischen Themen. Ein weiterer
wichtiger Bereich für die naTo sind die Sommer-Events
– Großveranstaltungen unter freiem Himmel.
Geplant sind in Zukunft auch Angebote im Dienstleistungsbereich,
wie der Organisation und Durchführung von Veranstaltungen,
eine Künstleragentur und anderes.
In einem Artikel anlässlich der Buchmesse 2003,
gab das Handelsblatt gastronomische Empfehlungen für
den Besuch in Leipzig. Nachdem mehrere Feinschmeckerlokale
beurteilt wurden, stand dort zu lesen: „... Für
den Absacker aber kommt nur die „naTo“ in
Frage, Mutter aller Kultkneipen. Das Rundgebäude
entstand in den 50er Jahren als Veranstaltungshaus der
Nationalen Front, war ab 1983 Jugendklubhaus und ist
durch Lesungen, Konzerte und Jazz lange vor der Wende
berühmt geworden. Heute trifft sich hier die Alternative
Szene und alles was in Leipzig einen Namen hat. Den
Armani-Anzug sollte man allerdings im Hotel lassen.“
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